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Gästebuch

Die Ratheimer Schützenbruderschaften - immer aktiv

Ein Streifzug durch das Bruderschaftsleben von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart

von Schützenbruder Hans Bürger (1978)

Ratheim nach dem Deutsch-Französischen Kriege, 1870/71: Die Gemeinde, deren Bewohner vom Ackerbau sowie von der Rinder- und Schafzucht lebten und die auch Heimat für Handwerker wie Weber, Schuster und Holzschuhmacher war, zählte 1876 schon über 2150 Einwohner. In dieser Zeit formierten sich auch die Männer der Bruderschaft zu einer bedeu­tenden Vereinigung und hatten wesentlichen Anteil an der Förderung des Gemeinschaftslebens und bekundeten tatkräftig ihre Verbundenheit mit der Kirche.

Im Jahre 1911 feierte die St. Sebastianus-Schützenbruderschaft ihr erstes großes Jubelfest. Zur Erinnerung an diese glanzvoll verlaufene Feierlichkeit wurde von der Bruderschaft ein silbernes Brustschild mit entsprechender Widmung, sowie je eine silberne Plakette vom damaligen Pfarrer M. Thoma, vom Schützenkönig Konrad Thönnissen und vom damaligen Ehrenbürgermeister Adolf Freiherr Spies von Büllesheim dem Ratheimer Königssilber eingereiht.

Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges gab es keine Veranstaltung der Schützenbruderschaft mehr. Viele Mitglieder mussten mit der Waffe in der Hand den Dienst für das Vaterland antreten, und wurden beim Grenzschutz, bei den Besatzungstruppen im Feindesland oder an der Front eingesetzt. Vier treue Schützenbrüder, die ihr Leben dahingeben mussten, hatten wir zu beklagen:

Peter Heckmann, Heinrich Gillissen, Johann Jansen und Jakob Rohskamp.
Sie starben für uns. Wir gedenken Ihrer im Gebet.

Nach dem Weltkrieg besannen sich die Ratheimer wieder ihrer jahrhundertealten Tradition und erfüllten die Bruderschaften mit neuem Leben. Erstmalig wurde der Königsvogelschuss wieder im Jahre 1921, und zwar mit dem Bogen, durchgeführt. 1922 gab es dann ein Verbot für das Bogenschießen, und aus dem Königsvogelschuss wurde ein Königsvogelwurf. Schützenbruder Johann Sonnenschein ging als bester Werfer, als Schützenkönig hervor.

Allmählich konnte sich aber das Schützenwesen wieder voll entfalten, und im Jahre 1928 wurde das 350jährige Jubelfest mit großer Aufmachung gefeiert. Der Festzug bestand aus 26 Gruppen mit 60 Fahnen, sieben Musikabteilungen und zwölf Trommlerkorps. Reiter in historischen Kostümen und die malerischen Trachten der Freilichtbühne Schaufenberg (Goderberta) gaben dem Festzug ein besonderes Gepräge. Bei herrlichem Wetter fand dieses Fest statt und wurde ein großer Erfolg für die Ratheimer Bruderschaft. Eine Erinnerungsplakette, gestiftet von dem damaligen Schützenjubelkönig J. Losberg, wurde dem Königssilber einverleibt.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten kam im Jahre 1935 das Verbot der Schützenbruderschaften. Schützen, die dem deutschen Sportbund nicht angeschlossen waren, durften nicht mehr öffentlich auftreten und konnten sich nur noch kirchlich betätigen. Für die Ratheimer Schützen ist festzustellen, dass damals in einer einberufenen Generalversammlung der Anschluss an den deutschen Schützenverband und somit an den deutschen Sportverband einstimmig abgelehnt wurde, weil in ihm nur wehrpolitische Ziele verfolgt wurden.

Im zweiten Weltkrieg, 1939 bis 1945, mussten fünf tapfere Schützenbrüder und der Präses Hochwürden Pfarrer Offermanns ihr Leben lassen. So hat das Schützenwesen hier in Ratheim von 1935 bis 1948 wegen des nationalsozialistischen Verbotes und durch den Krieg, sowie in den schweren Jahren unmittelbar nach der Kapitulation geruht.

In Ehrfurcht verbeugen wir uns vor unseren gefallenen, vermissten und verstorbenen Schützenbrüdern.
Pfarrer Lorenz Offermanns, Heinrich Zurmahr, Franz Pfeifer, Johann Bürger, Josef Jansen und Willi Winkens. Ein ehrendes Gedenken ist ihnen gewiss.

Im Frühjahr 1948 wurde dann von einigen Männern die Frage aufgeworfen, ob man die Ratheimer Schützenbruderschaften nicht bald wieder ins Leben rufen sollte. Nach einer Zusammenkunft ehemaliger Vorstandsmitglieder wurde man sich einig, die Neubildung der Bruderschaft einer Generalversammlung katholischer Männer und Jungmänner zu überlassen. Der schwierige Punkt war, Pfarrer Pütz dafür zu gewinnen. Am Fronleichnamstag 1948 fand dann im Jugendheim die Versammlung statt. Nachdem man über das Schützenwesen diskutiert, Pfarrer Pütz überzeugt und viele Fragen beantwortet hatte, wurde Einstimmigkeit darüber erzielt, die Ratheimer Schützenbruderschaften wieder aufleben zu lassen. Ebenso war man sich darüber einig, dass beide Schützenbruderschaften (St. Sebastianus und St. Josef) in Zukunft ihre Feste zusammen feiern sollten. Beide Schützenbruderschaften wählten getrennt einen neuen Vorstand, und diese Vorstände bildeten den Festausschuss mit je einem gewählten Vorsitzenden.

Der Festausschuß setzte sich wie folgt zusammen :
Josef Sieben, Vorsitzender der St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft, Johann Minkenberg, Heinrich Wallraven, Josef Brückers, Heinrich Hintzen, Korni Kleinen.
Jakob Trebbels, Vorsitzender der St.-Josef-Schützenbruderschaft, Josef Düsterwald, Josef Bütten, Peter Jansen, Franz Schiffers, Peter Schlebusch.
Zum Vorsitzenden des Festausschusses wurde einstimmig Peter Schlebusch gewählt.

Nach gründlicher Vorbereitung fand dann, nach 13jähriger Unterbrechung, am Sonntag, dem 11. Mai 1948, der erste Königsvogelschuss statt. Die Feierlichkeiten wurden von der ganzen Bevölkerung begeistert aufgenommen. Zirka 2000 Menschen wohnten diesem Vogelschuss bei. Gerhard Kals war der erste Nachkriegs-Schützenkönig der St. Sebastianus-Schützenbruderschaft und Peter Moll (Busch) wurde erster Schützenkönig der St. Josef-Junggesellenbruderschaft.
Zur Erinnerung an diesen ersten Königsvogelschuss nach 13jähriger Unterbrechung stiftete der Protektor der Bruderschaften eine silberne Platte zum Königssilber der St. Sebastianus­Schützenbruderschaft mit der Aufschrift:
„Zur Erinnerung an den ersten Königsvogelschuss nach 13jähriger Unterbrechung durch nationalistische Revolution und Krieg."

Die Währungsreform von 1948 hatte das Wirtschaftsleben normalisiert und aktiviert; der Ratheimer Bruderschafts-Zusammenschluss brachte wieder Schwung in das Gemeinschafts­leben, und viele Mitglieder konnten gewonnen werden.

Rückkehr der Glocken
1949

Bildquelle: Photo im Besitz
von Paul Knippertz 

Im Jahre 1949 gab es für viele Ratheimer Anlass zu einer besonderen Freude: unsere Glocken kehrten nach Ratheim zurück. Es war dies in erster Linie der damaligen Ratheimer Lehrerin Fräulein Haselier und der ehemaligen Kreistagsabgeordneten der CDU Frau Maria Winkens von der Vennstraße zu verdanken, die sich darum bemühten, die Ratheimer Glocken aus Hettstett im Südharz nach Hause zu holen. Zur Herbstkirmes 1949 waren die Glocken dann wieder in Ratheim, wo ihnen von der Bevölkerung ein begeisterter Empfang bereitet wurde.

Maria Winkens
1953

Bildquelle: Photo im Besitz
von Helmut Winkens

Am 6. und 7. August 1950 fand das Jubelschützenfest aus Anlass des 150jährigen Bestehens der St. Josef- Schützenbruderschaft statt. Dieses Fest wurde auf dem Wiesengelände im Park von Haus Hall gefeiert. Protektor und Schirmherr war Egon Freiherr Spies von Büllesheim.
Nach einem Rundzug durch Ratheim fand der Dorfabend mit Jubilarehrung statt, an dem alle eingeladenen Ratheimer Vereine teilnahmen. Ehrengast war der Dekanatspräses Pfarrektor Hecker aus Wassenberg-Oberstadt. Ein sehr schönes Feuerwerk, das im Schlosspark von Haus Hall abgebrannt wurde, war damals das große Ereignis. Die Tageszeitungen schrieben:

Tausende sahen „Haus Hall in Flammen". Es war ein Erlebnis für jung und alt aus nah und fern. Aus den Räumen Mönchengladbach und Aachen strömten die Leute nach Ratheim, um dieses einmalige Feuerwerk zu erleben.

m Frühjahr 1951 wurde während der Frühkirmes aus wirtschaftlichen Gründen kein Zelt aufgestellt. Wir feierten unseren Königsball im Saale Adams auf der Kirchstraße und unsere Veranstaltungen im Jugendheim, das wieder neu aufgebaut worden war. In diesem Jahr fasste man den Entschluss, die Prunkfeierlichkeiten in die Zeit der Herbstkirmes zu verlegen.
Schützenkönig in diesem Jahr waren von der St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Heinrich Knorr und von der St. Josef-Schützenbruderschaft Hilarius Dreßen.

Im Jahre 1952 wurde kein Vogelschuss abgehalten. An dessen Stelle wurde ein Wiesenfest aller Vereine zu Gunsten der Pfarrkirche veranstaltet. Deshalb blieben die vorigen Schützenkönige noch ein weiteres Jahr im Amt. Der Reingewinn von 1300,- DM wurde für den Anstrich der Pfarrkirche benutzt, deren Gewölbe bereits früher wieder hergestellt worden war. Es sei erwähnt, dass sich alle Ratheimer Maler- und Anstreichermeister zusammenschlossen, um unserem Gotteshaus wieder ein freundliches Aussehen zu verschaffen.

Das Jahr 1953 war für die Schützenbruderschaften wieder von besonderer Bedeutung, weil die St.-Sebastianus-Bruderschaft ihr 375jähriges Bestehen feiern konnte, und zwar vom 18. bis 20. Juli 1953 auf den Schieferpley in Ratheim. Der Jubelkönig anläßlich dieses Festes war unser von allen verehrter Schützenmeister Peter Schlebusch. Prinz der St. Josef-Jungschützen wurde Peter Sieben. Auf einem Festbankett ehrte man fast 90 Jubilare, und der Protektor Egon Spies von Büllesheim schenkte der Bruderschaft eine Erinnerungsplakette zum 375jährigen Bestehen.

1957 schien ein freudiges Schützenfest zu werden, da unser Marschall Johannes Rombey bei der St. Sebastianus-Bruderschaft den Vogel abschoss. Sein Sohn Hans errang bei der St. Josef-Schützenbruderschaft die Königswürde. Leider währte unsere Freude am Königsvogelschuss nicht lange, denn am 2. August starb unser Schützenkönig Johannes Rombey. Wir verloren mit ihm einen treuen Schützenbruder, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden.

Im Jahre 1965 wurde durch den Schützenmeister und Ehrenvorsitzenden Peter Schlebusch die handgeschriebene Chronik des Schützenwesens an den Kreispräses Pfarrer Hillers überreicht.
Sie ist für uns alle ein bleibender Wert.

1966 fand sich keiner, der den Vogel abschießen wollte. Man ernannte daraufhin Hilarius Dreßen zum König und Rolf Weith zum Prinzen.

Das Jahr 1967 bescherte uns ein besonderes Ereignis : Unser Schützenbruder Adolf Spies von Büllesheim errang die Königswürde. Er ist der älteste Sohn aus dem Hause Hall, und als ein wahrhaft volkstümlicher Mensch immer bereit, an unseren Kirmesveranstaltungen teilzunehmen.

Pastor August Pütz
1964

Bildquelle: Totenzettel

Im Jahre 1968 verstarb unser Pfarrer und Präses August Pütz. Er war von 1945 bis zu seinem Tode Pfarrer in Ratheim und verstarb im Alter von 64 Jahren. In der Nähe der Pfarrkirche fand er seine letzte Ruhestätte. Ebenfalls 1968 verstarb unser allseits bewährter Schützenmeister Peter Schlebusch. Er hat sich nicht nur für das Schützenwesen in Ratheim eingesetzt und mit Leib und Seele die Interessen der Bruderschaft vertreten, er hat darüber hinaus auch als Leiter des V.d.K. vielen Witwen und Waisen geholfen. Alle Schützenbrüder gaben ihm das letzte Geleit.
1968 wurde Pfarrer Heinrich Pesch in sein Amt in Ratheim eingeführt. Er ist auch heute noch Präses unserer Ratheimer Bruderschaften. Mit ihm begann ein reges Leben in unserer Pfarre. Vor allen Dingen muss hier erwähnt werden, dass auf Grund seiner Initiative mit dem Bau des Hauses der Begegnung im März 1970 begonnen wurde und schon am 4.Juli 1971 dort die erste hl. Messe gefeiert werden konnte. Unter seiner Leitung entstand auch das neue Pfarrhaus, das das alte, durch Bergschäden unbewohnbar gewordene Gebäude ersetzte. Durch Initiative des Kirchenvorstandes, hier seien stellvertretend die Herren Heinrich Knorr und Johannes Feiter genannt, befasste man sich ebenfalls mit der Erweiterung und Renovierung der Pfarrkirche St. Johannes.

Peter Schlebusch
1953

Bildquelle:
Ratheimer Chronik

Auch ein Kindergarten im Bammich mit drei Gruppenräumen und einen für den Unterricht vorgesehenen Platz entstand in dieser Zeit, und schließlich wurde auch der stark beschädigte Kindergarten in der Mühlenstraße wieder neu aufgebaut. Zu erwähnen wäre noch, dass während des Umbaus und der Erweiterungsarbeiten an unserer Pfarrkirche die evangelischen Christen uns ihr Gotteshaus zur Verfügung stellten. Wir konnten dort für fast 1 ½ Jahre unsere Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen sowie auch wochentags feiern. Hier gilt den ev. Christen und Herrn Pastor Hesse besonderer Dank.
Die Kirchenvorstandsmitglieder der Bruderschaften setzten sich ganz besonders für die Pfarre ein. Der stellvertretende Vorsitzende Heinrich Knorr konnte sämtliche Verhandlungen mit den Behörden, mit Bistum und mit der Gewerkschaft Sophia-Jacoba zum vollen Erfolg führen, und half damit, der Pfarrgemeinde erhebliche Mittel zu sparen. Und alle Anstrengungen hatten sich gelohnt. Am 16. Dezember 1973 konnten wir unsere Pfarrkirche wieder einweihen und ihrer Bestimmung übergeben. An diesem Tage zelebrierte Bischof Pohlschneider aus Aachen die hl. Messe unter Mitwirkung des Kirchenchors Cäcilia.

Beim traditionellen Vogelschuss, der in diesem Jahr zum ersten mal am Christi-Himmelfahrtstag in den Wiesen von Haus Hall durchgeführt wurde, wurden die neuen Majestäten ermittelt und zwar mit der Armbrust, wie es vor 200 Jahren üblich war. Um die Königs- und Prinzenwürde bewarben sich diesmal erfreulicherweise viele Interessenten.
Der Meisterschuss gelang bei der St. Josef-Schützenbruderschaft Peter Spätgens, der damit Schützenprinz wurde. Bei der St. Sebastianus-Schützenbruderschaft holte sich Peter Heinrichs den Vogel von der Stange und wurde damit neuer Schützenkönig. Dieser erste Vogelschuss an Haus Hall hatte sich zu einem wahren Volksfest entwickelt. Der Vogelschuss begann in diesem Jahr morgens mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche; anschließend wurde ein ausgedehnter Frühschoppen gehalten, viele Küchen blieben kalt, da es mittags Erbsensuppe und Würstchen vom Grill ab. Musikalisch umrahmt wurde der Morgen vom Trommlerkorps „Vereinte Freunde" und dem Musikverein St. Josef, während
nachmittags das Trommlerkorps „Vorwärts" mit flotter Marschmusik aufwartete. Gleich nach Mittag ging es zunächst weiter mit Jugendspielen. Aus den Nachbarorten hatten sich viele Jugendgruppen eingefunden, die gemeinsam mit der Ratheimer Pfarrjugend das „Spiel ohne Pfarrgrenzen" austrugen.

Das Jahr 1975 bescherte uns gleich zwei wichtige Ereignisse: Am 15. März fand im Haus der Begegnung ein Festbankett statt, zu dem, für alle Teilnehmer eine ganz besondere Freude, der Hochmeister Graf von Spee erschienen war und die Festansprache hielt. Darüber hinaus feierten die St. Josef-Schützen ihr Jubelfest zum 175jährigen Bestehen in Verbindung mit einem Stadtschützenfest.
Die Erkelenzer Nachrichten berichteten ausführlich über das Ratheimer Festbankett und veröffentlichten in ihrer Ausgabe vom 17. März 1975 folgenden Artikel :

Die St. Josef-Schützenbruderschaft, genannt „De Jonge" kann auf ein 175jähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlass findet während der Ratheimer Frühkirmes am 25. Mai ein großes Bezirks- und Stadtschützenfest statt. Das Festbankett zu diesem Jubiläum wurde jedoch bereits am Samstagabend im „Haus der Begegnung" gehalten.
Prominentester Gast des Abends war Hochmeister Graf von Spee vom Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften in Köln. Ferner waren als Ehrengäste Pfarrer Pesch und Dechant Heidenthal, Baron Egon Spies von Büllesheim, Landrat Rick, Bürgermeister Roemer und Stadtdirektor Bürger sowie Diözesan-Bundesmeister Pütz und Stellvertreter Gerhard Bürger, Bezirksbundesmeister Wilhelm Schmalen und Abordnungen der Schützenbruderschaften des Bezirksverbandes Hückelhoven gekommen.
Zum musikalischen Auftakt spielten das Trommlerkorps „Vereinte Freunde" und der Musikverein St. Josef. Das Festbankett eröffnete der Vorsitzende der St. Josef-Schützenbruderschaft, Franz-Josef Hansen. Ein herzliches Willkommen bereitete der Schirmherr der Veranstaltung, Dr. Adolf Spies von Büllesheim in seiner Begrüßungsansprache dem Hochmeister Graf von Spee. Er ging alsdann auf die geschichtliche Entwicklung des Schützenwesens ein und meinte, Schutzfunktionen der Bruderschaften hätten auch heute noch eine Berechtigung. An erster Stelle stehe der Gemeinschaftssinn. Wäre dieser nicht praktiziert worden, würde gewiss eine so langjährige Existenz der Bruderschaft nicht möglich gewesen sein. Dr. Spies von Büllesheim:
„Die alljährlichen Schützenaufzüge sind kein Schauspiel, es steht viel mehr dahinter."
Das Fest veranlasse dazu, sich gegenseitig Dank zu sagen, dass in der heutigen seelenlosen Zeit die Tradition des Schützenwesens hochgehalten werde. 175 Jahre St. Josef-Schützenbruderschaft seien nicht nur Tradition, sondern auch Verpflichtung zum Fortführen im bisherigen Geiste. Dr. von Spies bezeichnete sich selbst zwar als Schütze ohne Funktion, aber er betrachtete die Mitgliedschaft in der Bruderschaft als eine besondere Ehre.
Über die Chronik der St. Josef-Schützenbruderschaft sprach Theo Jäger. Am 10. Oktober 1800 habe sich aus der damaligen Bürgerwehr die Bruderschaft gebildet. Weitere wichtige Daten seien 1893 - in diesem Jahr wurde das erste große Schützenfest gehalten; 1925 feierte man das 125jährige Bestehen und nach dem zweiten Weltkrieg begann der Neuaufbau der St. Josef-Schützenbruderschaft im Jahre 1948.

Die Festansprache hielt Hochmeister Graf von Spee. Er bezeichnete es als eine besondere Auszeichnung, bei diesem Festbankett sprechen zu dürfen. Sein besonderer Dank ging an die Jungschützen in der St. Josef-Bruderschaft, dass sie so engagiert mitmachen. Graf von Spee ging auf den Sinn und Zweck der Bruderschaften heute ein und teilte sie in drei Gruppen ein:

  • Heimat und Volksfeste;
  • Glaube ohne Taten ist tot;
  • Informationen aus dem Geist der christlichen Familie.

Die Schützenfeste bezeichnete er als fruchtbare Begegnungen zwischen den Menschen. „Aus der Kraft des Glaubens wirksam für den Menschen arbeiten" sei die Devise. Die Schützenbruderschaften sollten genau erklären, was sie wollten; auch eine Mitarbeit im Pfarrgemeinderat sei bedeutungsvoll und könne als „strategische Reserve" gelten. Die menschliche Tat müsse stets den Vorrang haben und es gehe darum, Stellung zu beziehen zu den Grundfragen des Lebens, einzutreten für das unverbrüchliche Recht des Lebens. Graf von Spee kritisierte auch die Schulen und wehrte sich energisch gegen die Texte einiger Lehrbücher. Um ein besseres Morgen zu schaffen, müssten die Bruderschaften offen in die Zukunft schauen. Gespräche mit den Parteien suchen, Argumente sammeln und geistige Auseinandersetzungen anstreben. Er beendete seine Rede mit der Feststellung : „Denken hat kolossale Zukunft".

Das Festbankett wurde aufgelockert durch musikalische Darbietungen der Trommlerkorps „Vorwärts" und „Vereinte Freunde", des Musikvereins St. Josef und Orgelvorträgen von Heinz-Gerhard Dreßen.

Im Mai des gleichen Jahres berichtete dann die Volkszeitung unter der Überschrift „Ratheim erlebte glanzvolle Tage" von der 175-Jahr-Feier der Jungschützen. Wörtlich hieß es in dem Bericht:

Zu einem glanzvollen Ereignis wurde das Dekanats- und Stadtschützenfest am Wochenende in Ratheim. Anlass war das 175jährige Bestehen der Ratheimer St. Josef-Schützenbruder schaft. Sämtliche Schützenbruderschaften der Stadt, aber auch Gäste aus vielen Orten des Kreises hatten sich am Sonntagnachmittag zum großen Festzug eingefunden. Dieser Zug
stellte mit seiner Länge und Farbenpracht alles in den Schatten, was in Ratheim in den letzten Jahren zu sehen war. Stadtdirektor Bürger begrüßte am Sonntag die Gäste und brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass durch solche Feste der Zusammenhalt und die Verbundenheit innerhalb der neuen Stadt wachse und verstärkt werde. Wenn die Schützenbruderschaften besonders heimatverbunden seien, dann beinhalte dieses Bekenntnis zur Heimat gleichzeitig die Verpflichtung, daran mitzuarbeiten, dass unsere Heimat allen Mitbürgern ein menschenwürdiges Dasein ermögliche.

Eine goldene Hochzeit gab es 1976 in unseren Reihen. Im August feierte Protektor Egon Spies von Büllesheim das Fest der goldenen Hochzeit. Es war ein Fest für ganz Ratheim und Umgebung. Auf Schloss Hall versammelten sich am Vorabend alle Ratheimer Vereine und brachten unserem Jubelpaar ein Ständchen. Alle Schützen stellten sich in den Dienst der guten Sache und sorgten für die Bewirtung der vielen Gäste, die an jenem Abend auf Haus Hall weilten.
Die Erkelenzer Volkszeitung schrieb damals:

Goldhochzeit der Eheleute
Hille und Egon Spies von Büllesheim
1976

Zu einem regelrechten Volksfest entwickelte sich am Montag das Fest der goldenen Hochzeit der Eheleute Baron Spies von Büllesheim. Ein großartig erleuchtetes Schloss Haus Hall, ein von der Nachbarschaft mit viel Liebe geschmückter Innenhof und weit über tausend Menschen bildeten die Kulisse für ein Ereignis, wie es Ratheim selten erlebte.
Der offizielle Teil des Programms hatte zunächst alle Ortsvereine auf den Plan gerufen. Der Musikverein und die beiden Spielmannszüge musizierten, die Fahnenschwenker der Bruderschaften traten in Aktion, und Petra Schieren sowie Hilde Vervoort trugen Gedichte vor. Bürgermeister Roemer gratulierte im Namen der Stadt und Heinrich Knorr hielt die Festansprache.
Hierin skizzierte er ein Stück Heimatgeschichte, die mit dem Namen des Jubelpaares aufs engste verbunden ist. Heinrich Knorr erinnerte an die Zeit, wo Haus Hall von den Ratheimer Bürgern mit Gewehren, Gabeln und Dreschflegeln vor den Separatisten geschützt wurde. Erwähnung fand viel Unangenehmes, was das Jubelpaar als Gegner des nazistischen Regimes erleiden musste. Heinrich Knorr dankte dem Jubelpaar für alles, „was es in guten und bösen Tagen für Ratheim getan hat."
Er erwähnte besonders die Brotspenden an die Armen während der Notzeiten und die Pflege der alten und kranken Leute. Auch die unentgeltliche Zurverfügungstellung des Ratheimer Klosters an die Schwestern erwähnte Knorr. Er schloss dieses Kapitel seiner Ausführungen mit der Feststellung, dass das Jubelpaar und seine Vorfahren es immer durch ihre Hilfe ver­standen hätten, sich die Sympathie Ratheims zu erhalten.
Als Geschenk überreichte der Redner Kastanienbäume für die Parkanlagen um Haus Hall. Zu diesem Geschenk sei die Bruderschaft in doppelter Hinsicht motiviert worden, hieß es. Einmal wollte man sich dafür erkenntlich zeigen, dass das Jubelpaar für alle Ortsfeste seine Anlagen zur Verfügung stellte, und zum anderen sollten die Bäume eine Art Entschädigung für die „
Bubenstreiche" vergangener Jahre sein, als man den Kastanienbäumen des Baron mit Stöcken zu Leibe rückte.

Die Ratheimer Schützenbruderschaften St. Sebastianus und St. Josef konnten über die vielen Wirren der Zeit nur insofern Bestand haben, weil sich in ihren Reihen immer wieder Männer zusammenfanden, die aus christlichem Brudergeist handelten und sich den vielen Aufgaben der Zeit auf der Grundlage des Christentums stellten.
Seit der 375-Jahr-Feier im Jahre 1953 sind nun 25 Jahre vergangen, und in dieser Zeit haben sich die Reihen der Bruderschaft gelichtet. Wir fragen uns heute, wo die alten „Macher" geblieben sind. Viele von ihnen sind schon lange nicht mehr unter uns. Aber wenn am Tage des 400jährigen Bestehens die Glocken von St. Johannes feierlich läuten, werden sie im Geiste bei uns weilen.

Möge sich die St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Ratheim immer ihrer uralten Tradition bewusst bleiben. Mögen sich immer wieder Männer und Jungmänner bereitfinden, die das Erbe der Väter an kommende Generationen weitergeben, so dass der Geist der Bruderschaft auch in Zukunft gedeiht im Sinne unseres Wahlspruchs :

Aus alter Wurzel neue Kraft —
Für Glaube, Sitte, Heimat

entnommen (exclusive der Bilder) aus der Festschrift der Ratheimer Sebastianus-Bruderschaft anlässlich des 400jährigen Bestehens 1978